Herz
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Mosaik.

„..auf der straße tobt der regen, in seinem wagen die musik. er fährt noch einmal durch die gegend..in der sein herz begraben liegt….“ (Olli Schulz und der Hund Marie – „Rückspiegel“)

Mitten ins Schwarze.
Voll auf die 12.
Dieses Song-zitat trifft zur Zeit mein Herz wohl mehr, als alles andere.
Mein Umzug ist seit einer Woche endlich vorbei, ich habe nun (oh ja, jetzt werde ich dieses Zitat missbrauchen..) mehr als „einen Koffer in Berlin“..und alles ist neu.
So neu, dass ich schon gar nicht mehr in der Stadt bin, sondern der Wind mich wieder rausgefegt hat. Aber nicht aus Angst und auch nicht für lange.
Ich bin bei meinen Eltern..in der wahren Heimat.

„Home is where your heart is“, oder?
Nun, dann gleicht mein Herz in den letzten Monaten wohl mehr einem Mosaik, als einem Puzzle. Es ist nie komplett, nie vollständig.
Ein Puzzle beendet man, in dem man das letzte Teil hinzufügt, sich über das fertige Bild freut (nachdem man das Fluchen, die Schimpftiraden und vielleicht auch die etlichen zwischenzeitlichen Zerstörungsversuche liebevoll beiseite drängt) und es wahlweise klebt, um es dann als eine Art „Trophäe“ an die Wand zu hängen.
So kann man es machen.
Jedoch nicht mit einem Mosaik.
Steinchen für Steinchen setzt es sich zusammen, tausende Farben und Formen (die man hier und da gewinnt oder nur durch „Zufall“ findet) reihen sich aneinander und erscheinen beim ersten Betrachten wie das eigene Gemüt – ein großes, buntes Chaos ohne jeglichen Zusammenhang.
Es braucht erst einen gewissen Abstand, ein paar Schritte zurück, um das eigentlich Bild zu erkennen..das einem dann auf einmal ganz plausibel und (im besten aller Fälle) wunderschön erscheint.

Diese „Schritte zurück“ bin ich jetzt auch gegangen und sitze nun wieder in meinem alten Zimmer auf dem Bett, die türkise Wuscheldecke unter und millionen Kissen neben mir & schreibe.
Wie damals mit 13, als die Welt für mich plötzlich anfing aus Worten zu bestehen, die mehr waren als nur ein Mittel zur Kommunikation. Deren Schönheit ich nach und nach für mich entdeckte und sie somit zu einem meiner liebsten Spielzeuge machte. Wie die Musik.
Ich kann und will sie formen, sie gestalten..mit ihnen um mich werfen, sie in die Welt hinausschleudern, oftmals begleitet von einem lauten: „In your face!“, und die sanften, leisen immer ein bisschen länger für mich behalten, bis der richtige Moment vor der Tür steht um sie abzuholen…und sie dann vielleicht mit ein neuen „Freunden“ (den Reaktionen darauf) wieder sicher zu mir zurückzubringen.

Ich greife nach meinem Glas, nehme einen Schluck Weißwein (der gute von einem befreundeten Winzerehepaar, dass ein Weingut an der Mosel hat..wie gesagt, ich bin bei meinen Eltern. Da muss ich nicht im Kühlschrank nach dem Tetrapak suchen.. .) und schaue aus dem Fenster. Ich sehe das Haus unserer Nachbarn, ein Stück des großen Baumes der in unserem Vorgarten steht und sonst nur Himmel…. .
Wolken, die von der untergehenden Sonne angestrahlt werden und dabei mit ihren, teilweise heute wirklich skurrilen Formen (vorhin habe ich einen Comicfrosch gesehen..ich schwöre!), dazu ein bisschen „fehl am Platz“ wirken. Und genau deswegen mein Bild so herrvoragend komplettieren.

Es ist schön hier.
Auch wenn meine Mutter noch immer jeden Abend in mein Zimmer kommt (kurz bevor sie schlafen geht), um mir zu sagen, dass ich doch den „Quatsch“ (= Laptop = Twitter) ausmachen soll, weil ich meinen Schlaf bräuchte. Gegen 22Uhr.
Um mir dann um 5Uhr morgens, wenn wir uns zufällig im Bad treffen weil sie zu dieser Zeit aufstehen muss, zu sagen, dass ich doch wieder ganz fix ins Bett zurück & weiterschlafen solle….ohne auch nur zu ahnen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht eine einzige Minute im Traumland geweilt habe.
Ich lasse Sie in diesem Glauben. Aus Liebe.
Wenn ich mit meinen 3 Hunden durch unseren Garten gehe und meinen Nachbarn treffe, nennt er mich wieder „die kleene“, wahlweise auch „das engelchen“…um mir dann im nächsten Atemzug einen selbstgebrannten Apfelschnaps anzubieten.
Das alles ist Heimat.
Die Träume meiner Kindheit, die Irrungen & Wirrungen die ich als Jugendliche niemals verstehen konnte oder wollte. Die Orte, an denen ich mit Freunden aus dem Dorf draußen spielte, auf die höchsten Bäume kletterte und aus Sandbergen die grandiosesten Ralleystrecken (sogar mit Tunnel & Brücken!) gebaut habe, die meine Matchboxautos je er-& durchfahren durften.
Die Orte, an denen ich mit meiner Freundin zum ersten mal angetüdelt war und feixend nachts durch die halbe Stadt nach Hause lief. Die Orte, an denen ich nächtelang mit den Jungs von der Band im Proberaum hing, billigen Wein oder Sternburg-Bier trank und sang..einfach nur sang, die ganze Nacht. Der Rückweg auf dem Fahrrad war um 3 oder 4Uhr morgens immer das schönste… und das meine ich ernst!
Ich sang auch auf dem Fahrrad, und das laut!
Die Leute die mit offenem Fenster schliefen, waren nach meinem Vorbeibrausen mit Sicherheit wach….;).
Das alles und mehr kommt einem in ein paar Tagen „Elternurlaub“ in den Kopf, vernebelt manchmal Sinn & Verstand, und macht mich somit noch sentimentaler als ich es eh schon bin.
Aber das ist auch gut so.
Denn hier..genau hier, an diesem Ort..wurde der Grundstein gelegt.
Ich bekam das erste Teil für mein Mosaik…wusste nichts damit anzufangen und legte es wahllos irgendwo beiseite.
Genauso tat ich es auch noch Jahre danach..bis ich das „Kunstwerk“ (wie gut, das „Kunst“ doch relativ ist) bemerkte, auf dem sich mein Leben aufbaut und in welchem es sich gleichzeitig widerspiegelt.

Mein Gott…dieser Eintrag lässt mich uralt erscheinen, oder?
Ich bin fast 25, habe noch nicht mal das Vierteljahrhundert geschafft…aber bin trotzdem stolz auf diese Reflektion. Oder zumindest die Fähigkeit dazu.
Denn das alles hier, alles Erinnerungen, alle Menschen, alle Worte, Töne und Bilder…formen mein Mosaik.

Das alles…und noch viel, viel mehr…. .

1 Kommentare

  1. Silbenbund sagt

    Von der Wurzel aufwärts wachsen wir. Es erkennen bringt den Schritt das Mosaik zu sehen, die Teile zu einen. Wie prachtvoll Du diese Weisheit offengelegt hast.
    Deine Silben gleichen einem Blumenstrauss, der bei länger und längerwerdender Betrachtung an Ausstrahlung wie gewinnt. Vom Odeur benebelt meinte ich, einen der wachgewordenen Nachbarn am Fenster gesehen zu haben.
    Wahrlich die Grazie der Worte hast Du gemeistert. Sie leben, atmen, plastizieren sich zu Gebilden in einem Wunderland.
    Eine Frage bäumt sich in der schwarz-blauen Nacht auf. Wie hören sich deine Songs an? Im besten Fall von Dir vorgetragen. Nur mal so am Rande notiert.

    be blessed

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